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Agile Führungsansätze werden notwendig: Beobachtungen auf der Agile Bodensee 2017

Agilität ist für die Bewältigung komplexer Geschäftsprozesse ein Erfolgskonzept und kommt mittlerweile auch in den großen Organisationen an - und das nicht nur in der IT-Branche: Das ist zeigt sich deutlich auf der Agile Bodensee2017. Unter dem Motto „state of agile“ zeigte uns die größte Konferenz für agile Organisationen im Bodenseeraum zugleich sehr deutlich, dass sich der Reifegrad von Agilität in den Unternehmen mehr und mehr entwickelt. Standen bisher Scrum, Kanban, DevOps & Co. im Interesse der Aufmerksamkeit, so hat sich der Fokus deutlich stärker in Richtung „mentaler Wandel“ gedreht. Immer mehr setzt sich die Einsicht durch, dass Agilität nur dann nachhaltig wirkt, wenn auch Kultur, Strategie, Struktur und vor allem die Führung ein neues Selbstverständnis entwickeln. Somit ist Agilität nicht mehr nur Sache der Produktions- und Entwicklerteams. Es geht mitunter darum, ganze Organisationen agil aufzustellen. Ein paar Schlaglichter, die wir besonders interessant finden: 

„Self-Awareness before Skills“ – neue Wege für die Führung

„Self-Awareness“ – im Sinne von Selbstwahrnehmung, Einsicht und Reflexion – war ein Leitmotiv dieser Agile Bodensee. Statt nur auf einzelne Fähigkeiten zu fokussieren und diese zu trainieren, sei es für Führungskräfte wichtig, sich zunächst in Selbstreflexion zu üben, so Pete Behrens, Agile Coach aus Colorado (USA). Anschaulich demonstrierte er dies in seiner Keynote („Five *Oops!* Six Mistakes You are Making as a Leader“) an Fallbeispielen unterschiedlicher Führungspersonen, die er in den vergangenen Jahren begleitet hat.  Seine These untermauerte er mit Zahlenmaterial der Penna Survey 2016. Der zufolge glauben 80 % aller Manager, sie würden ihre Mitarbeiter unterstützen – aber nur 25% der Mitarbeiter sehen das auch so. 

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Pete Behrens am Elfsights-Stand im Dialog über Agilität und den Brick Session Ansatz.

Eine wesentliche Anforderung für Führungskräfte – mit tiefgreifenden Konsequenzen, wie Andrea Provaglio (Italien) unterstrich. Die Debatte, ob es eher die Kultur oder die Struktur einer Organisation sei, die über die Transformationsfähigkeit entscheide, ist für ihn eine Henne-Ei-Diskussion. Entscheidend sei vielmehr, dass sich eine Organisation nicht über das Bewusstseinsniveau ihrer wichtigsten Persönlichkeiten hinaus entwickeln könne. Umgekehrt produzieren Führende, die bereit sind ihre mentalen Modelle sich selbst im Kontext der Agilität weiterzuentwickeln einen unschätzbaren Mehrwert für die Organisation: Denn sie bilden quasi nebenher die nächste Top-Führungsgeneration aus. 

Wie agil darf´s denn sein? Das richtige Maß bei Strukturveränderungen finden

Dass Agilität je nach Struktur, Kultur und Marktsituation eines Unternehmens sehr individuell implementiert werden muss, wurde auf der Agile Bodensee anhand von zwei Fallbeispielen deutlich. So zeigte ein Change Manager eines Traditionsunternehmens mit mehr als 120.000 Mitarbeitern, dass Agilität nicht per se als Lösung definiert werden kann. Denn wenn Erfolge auf traditionellen Werten basieren wird Agilität erst durch behutsames und fokussiertes Vorgehen hoffähig und kann zunächst nur in geeignete Teile einer Organisation Einzug halten. Von dort aus kann dann agiles Denken und Handeln erprobt und in seiner Wirkung bewertet werden. Innovative Formate wie Ted Talks, neue räumliche Strukturen (z. B. einer offene Bürolandschaft im Vorstandsbereich) und einer Kultur des Zuhörens sind entscheidende Schritte in Richtung mehr Agilität. 

Ganz anders verhält es sich in einem IT-Tochterunternehmen eines Traditionskonzerns. Aufgrund der eigenständigen Organisationsform und aufgrund des Geschäftsmodells hatte sich die Führung des konzerneigenen IT-Dienstleisters im Jahr 2014 entschlossen einen radikalen Wandel in Richtung eines agilen Organisationsansatzes zu starten. Zu den wesentlichen Maßnahmen gehörte, wirklich allen Mitarbeitern die Chance zu geben, sich in Unternehmensfragen einzubringen. Daraus wiederum wuchs die Erkenntnis, dass die Aufgaben der Zukunft eine völlig andere Struktur erforderten – mit deutlich weniger Hierarchien und selbstorgansierten Teams. Die ersten 70 Teams arbeiteten bereits agil, bis Ende 2018 soll die Hälfte der Mitarbeiter eingebunden sein. 

Gesundheit als Erfolgsfaktor

Auch beim Gesundheitsmanagement haben viele Unternehmen in den vergangenen Jahren unverkennbar Fortschritte gemacht. Die „Agile Bodensee“ zeigte dieses Jahr, wie erfolgskritisch der Faktor Gesundheit tatsächlich ist. Pete Behrens versorgte die Zuhörer in Konstanz mit Thesen („health before performance“) und Zahlen. Demnach sind Unternehmen, die sich nicht allein auf die Performance fokussieren, sondern den Faktor Gesundheit mit einzubeziehen, dreimal erfolgreicher als solche, die nur auf die Performance blicken.

 
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Über Konstanz hinaus geblickt: Das deckt sich mit den Ergebnissen des „Project Aristotle“, in dem Google über zwei Jahre hinweg die Performance von 180 Teams untersuchte. Zentrale Erkenntnis: So wichtig Faktoren wie die Klarheit bezüglich Ziel und Struktur, Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit des eigenen Tuns sowie der Zuverlässigkeit in den Teambeziehungen sind – was die Topteams bei Google vom Mittelmaß unterscheidet, ist vor allem die psychologische Sicherheit. Anders gesagt: Wenn es gelingt, eine Kultur zu schaffen, in der es möglich ist, sich selbst ohne Furcht vor der Reaktion der Teammitarbeiter auszudrücken, Fehler anzusprechen, unfertige Gedanken zu äußern, ist es selbstverständlich, gerne voneinander zu lernen – und gerade dann wird ein Team mehr als die Summe seiner Teile.

Das Gesundheitsmanagement ist damit auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass der agile Wandel nicht nur neue Themen auf die Agenda setzt, sondern auch zu einer neuen Wertschätzung traditioneller Themen führt.    

Insgesamt also eine Menge aufmunternde Signale von der „Agile Bodensee 2017“. Mein persönliches Fazit dazu: Sie sind es gerade deshalb, weil die agilen Ansätze den Menschen und sein Bewusstsein ins Zentrum des Handelns rücken und dadurch die Arbeit der Zukunft in einem Licht erscheinen lassen, das den Menschen und seinen individuellen Wert nicht aufgeben kann.

 
Die Autoren diese Artikels: Jürgen Lehmann, Jens Poggenpohl, Ingo Kreyer 
 



Termine

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Ihre nächste Terminmöglichkeit: 27.-28.06.2019 // 24.-25.10.2019, 9-17 Uhr

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SeeYou - Das KennenlernEvent

Wird in Kürze bekannt gegeben

Fortbildung "Führen und Coachen in agilen Kontexten"

27.-29.03.2019 // 22.-24.05.2019 // 18.-20.09.2019